Der Holzknecht gestern - der Waldfacharbeiter heute

Gerade schien noch die Sonne, jetzt scheint die Welt schier unterzugehen mit Blitz und Donner, mit Regen und Hagel. Es schüttet wie aus Kübeln. Nichts Gutes hat es zu bedeuten, wenn im November das Wetter solche Kapriolen schlägt und schon klatschen die ersten Schneeflocken an die Fensterscheibe.
Die Holzknechte – jetzt Waldfacharbeiter oder Forstwirt als  Berufsbezeichnung – sitzen in ihrem Bauwagen hier hoch oben am Teisenberg fast auf der „Schneid“ und warten auf das Ende des Gewitters, um dann die letzten noch ausstehenden Arbeiten des Tages zu erledigen. Sie ziehen ihre Schutzjacken aus, kommen ins Fachsimpeln, reden über den heutigen Hieb und werden wohl erst morgen die letzten Bäume unter der Motorsäge fallen lassen. Kaum eine Viertelstunde dauert es, bis ein gewaltiger Baum, gewachsen in hundert bis zu hundertfünfzig Jahren, niedersaust und sofort entastet auf das Entrinden wartet.

Schwer ist die Arbeit; jedoch viel schwerer hatten es die Holzknechte früher. Zu zweit mit der Wiegensäge in schweißtreibender Arbeit umgeschnitten, mit der Hacke in Handarbeit entastet, entrinden der Bäume, um sie bis zum Herbst so liegen zu lassen. Erst dann – der Boden soll nass und glitschig sein, ziehen sie die Bäume zusammen. Nur selten übernimmt diese Arbeit ein Bauer mit seinen Pferden, müssen diese doch die Holzknechte selber bezahlen. Die geschälte, getrocknete Rinde geht als kleiner Nebenverdienst an die Gerberei.

Immer drei Mann, zwei Holzknechte und der Haumeister, arbeiten in einer Partie zusammen. Und am Haumeister liegt es, wie gut der Lohn ausfällt. Die Abrechnung erfolgt nämlich nach einem festen Grundlohn und dem für jeden Hieb nach den Gegebenheiten ausgehandelten „Akkord“. Geschickte Verhandlungen mit dem Förster steigern den Lohn enorm – was bis heute noch Gültigkeit hat.

Das Unwetter ist inzwischen abgezogen, die Waldfacharbeiter beschließen, für heute die Arbeit sein zu lassen, steigen in ihre Autos und fahren nach Hause. Die Holzknechte früher haben es ungleich mühsamer. Nicht mit dem Auto, sondern zu Fuß machen sie sich frühmorgens auf den Weg weit den Berg hinauf, Brot und Speck für die Brotzeit im Rucksack, manche das Bidri (ein kleines Wasserfässchen 5 Liter fassend) umhängend muss der Hieb um 7 Uhr erreicht sein bei Wind und Wetter, Schnee und Eis, Hitze und Kälte.
Es gibt kein „schlechtes Wetter“, es gibt kein „Ölzeug“, keine wasserdichte Schutzkleidung. Bei stundenlangem Regen hängt der Wettermantel schwer auf den Schultern, trocknet dann nur schwer auf der Hütte, in der sie dann bei zu langen Anmärschen die Woche über bleiben. Die gestrickten „Händling“ (Handschuhe) mit den zur Verstärkung aufgenähten Flicken sind klatschnass; für den Schnee tragen die Holzknechte über den Bergschuhen Gamaschen.

Als Errungenschaft zählt in der Achterhütte (Teisenberg) dann schon der angebaute Trockenraum mit einem separaten Ofen. Sie kochen sich ihr Mus aus dem für die Arbeitswoche mitgebrachtem Mehl, Butter und Salz, erzählen sich nach Feierabend bei spärlichem Kerzenlicht Geschichten oder spielen Karten; schlafen auf Matratzen mit nur Decken zugedeckt und waschen sich morgens am eiskalten Brunnen vor der Hütte. Ist an einem größeren Hieb keine Hütte in der Nähe, behelfen sich die Holzknechte oft mit Rindenkobeln als Unterstand, schnell zusammengezimmert aus ein paar dünnen Baumstämmen, gedeckt mit der geschälten Rinde von dicken Bäumen und einer provisorischen Feuerstelle.
Um das Jahr 1950 verdient er dann schon „stolze" 0,90 DM in der Stunde. Die Gewerkschaft hält sogar einen für die Holzknechte „utopisch“ anmutenden Lohn von 1,50 DM für erreichbar. Im Gegensatz zu heute arbeiten sie das ganze Jahr über durch. Steht kein Holzschlag an, gibt es genügend Pflegearbeiten im Wald und beim Wegebau. Die übernehmen aber hauptsächlich speziell für diese Arbeiten ausgebildete „Kulturer“.

Lernt der heutige Waldfacharbeiter seinen Beruf in 3-jähriger Lehrezeit, so arbeitet in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg erst einmal fünf Jahre im Forst, um dann in Kehlheim nach 14-tätiger schulischer Vorbereitung die Facharbeiterprüfung abzulegen. Froh ist der damalige Förster Öland vom Forstamt Teisendorf über jeden Arbeiter, den er bekommt, denn es herrscht zu der Zeit Mangel an Arbeitskräften im Forst. Bei einem Stundenlohn von unter 0,49 RM für einen einfachen Holzknecht und 0,51 RM für einen Facharbeiter sind sie auch vergleichsweise schlechter bezahlt als z.B. die Arbeiter auf dem Bau.

Als typische Winterarbeit bringen die Holzknechte die geschlagenen Bäume mit Schlitten ins Tal. Auf den mühsam mit der Hand freigeschaufelten Ziehwegen geht es in teils rasanter Fahrt mit der auf dem Schlitten festgeketteten und mit den Wipfeln auf dem Schnee schleifenden Fracht bergab. Sehr gefährlich ist diese Arbeit und oft kommt es zu schweren Unfällen. Zu steiles Gelände entschärfen Ketten um die Kufen des Schlittens; bei eisigen Verhältnissen sollen Ketten um die Bäume die Fahrt bremsen und geht fast gar nichts, weil es zu wenig steil, sorgt ein Prügelschuh unter dem Ende der Fracht für leichteres Gleiten.

Erst 1963 machen die neu gebauten Straßen durch die Befahrbarkeit mit Lastwagen dem Holzziehen mit Schlitten ein Ende. Die zunehmende Mechanisierung verändert die Arbeiten im Forst aber nicht nur bei der Holzbringung. Motorsägen ersetzen nach und nach die Wiegensäge, sind aber so teuer, dass oft eine Partie nur eine Motorsäge gemeinsam kauft. Anfangs noch äußerst unhandlich ist die Motorsäge heute nicht mehr wegzudenken aus der Waldarbeit. Dazu kommen Vollernte- und Rückemaschinen, die zwar aus wirtschaftlicher Sicht viel effizienter sind, den ökologischen Gesichtspunkt dabei aber oft außer Acht lassen.

Für ein Projekt durfte ich den inzwischen verstorbenen Holzknecht Hans Eisenbichler – beheimatet am Teisenberg - interviewen und er erzählte so lebendig aus seiner Arbeitswelt, so voll Begeisterung – daraus musste eine Geschichte werden! - jetzt verarbeitet zu diesem BLOG-Beitrag.

Land und Leute, Geschichte und Geschichten …
Der äußerste Südosten Bayerns mit Chiemgau, Rupertiwinkel und Berchtesgadener Land schickt mich in seiner Vielfalt immer wieder auf die Suche …

Eure Rosi

Bilder: RoHa-Fotothek Fürmann
Repro Fürmann

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